03.12.2012 | handball-world.com

Mit eigenen Waffen geschlagen: Wetzlar zollt Essen Respekt

Am Ende war der Ärger bei den Gastgebern recht schnell verraucht, wollte man sich in Wetzlar den bislang blendenden Eindruck nicht eintrüben lassen. Beim Gast hingegen herrschte eitel Sonnenschein – der erste Punkt in dieser Spielzeit erleichterte nicht nur Essens neuem Trainer das Herz.

33:33 hieß es nach sechzig Minuten – ein eher schwächeres Spiel der HSG, eines der besten des Tusem. „Ich bin froh, dass wir hier heute nicht verloren haben. Der Punktgewinn für Essen ist absolut verdient“, wollte HSG-Geschäftsführer Björn Seipp nach Abpfiff denn auch gar nicht erst um den heißen Brei herum reden. Die Wetzlarer waren vorher allzu oft im Angriff an eigenen Unzulänglichkeiten oder in Halbzeit zwei am starken Essener Keeper Ante Vukas gescheitert.

Entscheidend, da waren sich auch alle einig, war allerdings auch noch ein anderer Faktor. „Ich habe unter der Woche geahnt, dass Christian Prokop irgendetwas auspacken würde und ich hatte auch auf Tempospiel getippt, was ja auch unser Spiel bestimmt. Leider wurden wir heute mit unseren eigenen Waffen geschlagen“, analysierte HSG-Trainer Kai Wandschneider. „Wir wurden heute mit unseren eigenen Waffen geschlagen: Schnelle Mitte, erste und zweite Welle“, meinte auch Michael Müller, „das hat uns etwas überrascht.“ Sein Mitspieler Jens Tiedtke, der als 19-Jähriger seine Bundesligakarriere in Essen begonnen hatte, mahnte allerdings, dass solche Aussetzer nicht passieren dürften: „Wir sind alle Profis, von daher sollte man erwarten, dass wir auch gegen Tempospiel verteidigen können. In der ersten Halbzeit haben wir im Angriff viele Dinger liegengelassen, nach dem Wechsel haben wir zu viele einfache Gegentore bekommen. Essen hat das umgesetzt, was Christian Prokop erwartet: Die Flucht nach vorne. Je länger das Spiel gedauert hat, desto schwerer ist es für uns geworden.“

„Wir haben in dieser Saison schon einmal ein Spiel erlebt, wo kein Akteur an die Leistungsobergrenze gestoßen ist – das war in Bad Schwartau“, erinnerte Wandschneider daran, dass bislang Wetzlar auch nicht immer in allerletzter Konstanz aufgetreten sei. „Damit sind wir in dieser Saison schon einmal auf die Fresse gefallen, das war in Bad Schwartau“, bestätigte auch Michael Müller und fügte an: „Wir müssen uns an die eigene Nase fassen.“ Während sich Wandschneider beim Publikum „für den blassen Auftritt“ entschuldigte, strahlte Christian Prokop übers ganze Gesicht.

„Wir sind natürlich überglücklich über den ersten Punkt, das hat sich die Mannschaft verdient! Wir haben in der vergangenen Woche intensiv gearbeitet und wollten unsere Fortschritte gleich auf die Platte bringen“, berichtete der neue Coach des Tusem, „das hat in der zweiten Halbzeit gut funktioniert. Wir konnten, auch dank Ante Vukas, der der Mannschaft eine gewisse Sicherheit gegeben hat, schnell den Ausgleich schaffen und für unsere Mühe belohnen.“

Während die Essener feierten, zog auch Nikolai Weber seine Bilanz. „Uns war vor dem Spiel klar, dass wenn wir nicht 100 Prozent geben, wir richtig Probleme bekommen würden“, zeigte der Wetzlarer Keeper auf, dass bei der HSG nichts von selbst geht, der Höhenflug von harter Arbeit nicht ablenken darf. Geschäftsführer Seipp wollte allerdings dem verlorenen Punkt gar nicht lange nachtrauern. „Wir haben heute zwar nur Unentschieden gespielt, aber wir haben 20:8 Punkte. Hätte mir das vor der Saison jemand gesagt, hätte ich ihm das nicht geglaubt“, meinte Seipp – mit Blick auf die Tabelle, in der aktuell meilenweite Abstände zwischen Kellerkind Essen und dem wohl ganz und gar nicht abstiegsgefährdeten Wetzlarern zu Buche stehen.