"Es ärgert mich immer noch"
19.07.12

Handballer Julius Kühn hat großes Talent. Der 19 Jahre alte Junioren-Nationalspieler hat sich im Team als Stammspieler festgespielt. Bundestrainer Christian Schwarzer – genannt "Blacky" – ist sehr zufrieden mit dem Stendener, der sich "erneut weiterentwickelt hat". Und doch musste Kühn in seinen jungen Jahren nun miterleben, wie es sich anfühlt, bei der EM im türkischen Ankara nur Siebter zu werden. Im Gespräch mit der Rheinischen Post berichtet er, wie er das Turnier erlebt hat und warum es nicht zum Titel gereicht hat.

Herr Kühn, inwiefern beschäftigt Sie das Ausscheiden bei der EM auch noch wenige Tage danach?

Julius Kühn Es ärgert mich immer noch sehr, dass wir trotz der beiden Siege in der Hauptrunde nur Siebter wurden. Vor allem, weil wir nur wegen des Torverhältnisses rausgeflogen sind. Wir hätten nur drei Tore mehr gegen Schweden werfen müssen. Zumal wir zur Halbzeit mit sechs Toren geführt haben. Allerdings hätten wir das Ganze vorher vermeiden können, wenn wir in der Vorrunde bereits gegen Slowenien durchgehend dem Spiel unseren Stempel aufgedrückt hätten. Wenn man international zehn Minuten nicht aufpasst, merkt man, was dies für Auswirkungen haben kann.

Sie haben sich als Stammspieler in der Nationalmannschaft festgespielt. DHB-Trainer Christian Schwarzer hat Sie als "wichtige Stütze für das Team" bezeichnet. Wie stolz macht Sie das?

Kühn Das macht mich schon sehr stolz, wenn das solch eine Person sagt. Jedoch ist jeder Spieler in der Nationalmannschaft eine wichtige Stütze. Wir brauchen jeden einzelnen. Zudem versucht auch jeder von uns, sich so gut wie möglich einzubringen und seinen Teil dazu beizutragen.

Haben Sie vor der EM gewusst, dass Sie Stammspieler sein werden?

Kühn Man kann sagen, ich hatte ein sehr gutes Gefühl. Ich wusste, dass "Blacky" mir schon immer das nötige Vertrauen geben hat. Vergangenes Jahr bei der Weltmeisterschaft in Argentinien war es ähnlich.

Zudem haben Sie die Auszeichnung als bester Spieler in der Mannschaft erhalten. Ist dies ein kleiner Trost für die Niederlage?

Kühn Ich sag es mal so, zufrieden kann man nie ganz sein. Denn dann kommt man in einen Zustand, bei dem man auf der Strecke liegenbleibt und nicht mehr so an sich arbeitet.

Am Ende hatte der Vize-Europameister Kroatien genauso wenige Niederlagen auf dem Konto wie das deutsche Team. Woran hat es gelegen, dass vor dem Halbfinale Schluss war – trotz der vier Siege?

Kühn Es lag an vielen Kleinigkeiten. Wenn man zehn Minuten lang nicht aufpasst, kann dies über den gesamten Turnierverlauf entscheiden. Selbst "Blacky" hat gesagt, dass er in seinen 15 Jahren Handballkarriere noch nie erlebt, dass nach zwei Siegen in der Hauptrunde Schluss für eine Mannschaft sei.

Was hätte man Ihrer Meinung nach besser machen können?

Kühn Das ist schwer zu sagen, da bei solchen internationalen Turnieren einfach alles stimmen muss, um den maximalen Erfolg zu erringen.

Das Spiel um Platz fünf gegen Norwegen hat das deutsche Team verloren. War am Ende kein Siegeswille mehr da? Oder sind die hinteren Plätze einfach unwichtig?

Kühn Kein einziges Spiel ist unwichtig. Wir haben im Spiel fünf alles gegeben, jedoch war es eben schwer, das Ausscheiden zu verkraften. Wir hatten uns alle viel mehr für das Turnier vorgenommen. Und einen Siegeswillen hat man immer, wenn man das Trikot der deutschen Nationalmannschaft trägt.

Sie haben sich mit dem gesamten Team das Endspiel Spanien gegen Kroatien angesehen. Was haben Sie dabei empfunden?

Kühn In diesem Spiel hat Spanien eine Weltklasse Leistung abgerufen. Jedoch fiel es mir sehr schwer, das mit anzusehen. Es wäre viel schöner gewesen, selber dort auf dem Platz zu stehen und zu spielen.

Was hat Ihnen der Trainer nach dem EM-Aus mit auf den Weg gegeben?

Kühn In den nächsten Tagen wird jeder Spieler noch einmal ein privates Gespräch mit dem Trainer führen. Dabei soll über die Europameisterschaft gesprochen werden, da in der Türkei noch eine große Enttäuschung zu spüren war.

Was steht bei Ihnen nun als nächstes auf dem sportlichen Programm?

Kühn Jetzt freue ich mich erst einmal auf eine positive Saison bei TuSEM Essen in der Bundesliga. (Essen ist aus der Zweiten Liga auf, Anm. der Red.) Wir spielen jetzt noch einige Turniere in der Vorbereitung, bevor wir am ersten Spieltag (25. August, 19 Uhr) zum SG Flensburg-Handewitt reisen.

Nachdem Sie nun Stammspieler im Nationalteam sind, was ist Ihr nächstes großes sportliches Ziel?

Kühn Erst mal will ich mich auf die Saison mit TuSEM in der Ersten Liga konzentrieren. Dort werde ich mit Sicherheit auch einiges an Erfahrung sammeln können, um mich weiter zu verbessern. Zudem steht nächstes Jahr die U21-WM in Bosnien-Herzegowina an. Ich werde alles dafür geben, um dabei zu sein.

 

Christina Wagemanns führte das Gespräch.