Tradition kehrt zurück in die Handball-Bundesliga
18.05.12

Die 1. Handball-Bundesliga kann sich auf zwei gute Bekannte freuen: Mit GWD Minden und TuSEM Essen steigen zwei Teams mit großer Tradition auf. Am Freitag (18.05) spielen die beiden Altmeister vorerst das letzte Mal in der 2. Bundesliga gegeneinander.

 

Ganz egal, wie am Freitag (18. Mai, 19.30 Uhr, Sporthalle "Am Hallo") das Spitzenspiel der 2. Handball-Bundesliga ausgeht, nach dem Schlusspfiff können sich die Akteure von GWD Minden und Gastgeber TuSEM Essen gegenseitig gratulieren: Sie haben den Aufstieg in die Beletage des deutschen Handballs geschafft.

"Das ist schon ein riesen Erfolg für uns, der Aufstieg war eigentlich erst frühestens im nächsten Jahr geplant", so Stephan Krebietke gegenüber sportschau.de. Der ehemalige Nationalspieler und jetzige Geschäftsführer beim TuSEM setzt im Spiel gegen den Primus auf die Fans: "Wir hoffen auf ein volles Haus und wollen Minden schlagen. Der ganz große Druck ist aber natürlich nicht mehr da."

Gelassenheit vor dem Spitzenspiel
Auch auf Mindener Seite misst man dem Aufeinandertreffen nicht mehr allzu viel Bedeutung bei - gleichwohl mit einem Sieg der erste Platz endgültig feststehen würde. "Der Meistertitel ist eine Beigabe, die wir gerne mitnehmen wollen. Aber: Wichtiger war der Aufstieg", so GWD-Manager Horst Bredemeier vor dem drittletzten Spieltag.

In beiden Lagern zeigt man sich vor dem  Spitzenspiel gleichermaßen gelassen, doch betrachtet man den Weg zurück in Liga eins genauer, werden die Unterschiede der beiden Traditionsklubs deutlich.

Das Auf und Ab auf der Margarethenhöhe
Rückblende: Das Team von der Margaretenhöhe, immerhin dreimaliger Deutscher Meister, erhielt 2005 nach 26 Jahren in der ersten Liga keine Lizenz mehr. Als amtierender Europapokalsieger trat man damals in Liga drei an – statt nach Kiel ging es nach Korschenbroich. Doch TuSEM kämpfte sich zurück, das Glück währte aber nicht lange: Wegen erneuter finanzieller Probleme wurde 2008 Insolvenz angemeldet und es ging zwangsweise wieder in Liga zwei. Seitdem hat ein Umdenken stattgefunden: Die Strukturen wurden professionalisiert, die Nachwuchsarbeit angekurbelt und das angekratztes Image nicht nur im Ruhrgebiet auf Hochglanz poliert. Hochdotierte Verträge für Einzelkönner sind passe, homogene Teamleistungen auf und neben dem Feld sind angesagt. Frank Bohmann, Geschäftsführer der HBL, findet, "der TuSEM hat sich mit großen Schritten vom Sorgenkind zum soliden Unternehmen in der Handball-Bundesliga entwickelt."

Mit Stefan Krebietke wurde einem absoluten Fachmann viel Vertrauen übertragen - und der 40-Jährige überzeugte mit seiner Personalpolitik. Trainer Maik Handschke, dessen Sohn Felix, der designierte 2. Liga-Torschützenkönig Ole Rahmel oder Spielmacher Philipp Pöter verkörpern auf dem Spielfeld die neuen TuSEM-Tugenden. Eine derart rasante Entwicklung der durchweg jungen und überwiegend deutschen Truppe war überraschend, ist aber keineswegs abgeschlossen. Etliche Spieler sind noch lange nicht am Limit angekommen.

Vom Kader für die kommende Erstliga-Saison hat Krebietke konkrete Vorstellungen: "Wir wollen unsere Strategie beibehalten, mit jungen Spielern diese Mannschaft weiterzuentwickeln. Der Etat von derzeit ca. 1,2 Millionen Euro wird leicht erhöht." Als Ergänzung für die rechte Seite ist David Breuer vom Nachbarn DHC Rheinland im Gespräch und auch im Tor wird mit einer Verstärkung gerechnet.

GWD Minden - Wiederaufstieg war Pflicht
GWD Minden, letztmalig 1977 Deutscher Meister und zu Zeiten des Feldhandballs sogar dreimaliger Europapokalsieger, ging die diesjährige Saison unter gänzlich anderen Vorzeichen an. Im letzten Jahr knapp in der Relegation gescheitert, war beim Starensemble von der Weser der Aufstieg Pflicht. Auch in Minden gilt: Tradition verpflichtet. Schließlich war Minden vor dem Abstieg 2010 seit 1995 ununterbrochen Mitglied der 1. Liga. Und mit einem Jahr Verspätung schaffte das Team von Trainer Ulf Schefvert tatsächlich den angestrebten Wiederaufstieg.

Dank des mit Abstand höchsten Etats aller Zweitligisten konnten sich die Grün-Weißen einen Topspieler wie den Schweden Dalibor Doder und weiteres international erprobtes Personal leisten. Zwar wird in Minden traditionell herausragende Nachwuchsarbeit geleistet, bei den zentralen Positionen vertraut GWD aber eher gestandenen Spielern, wie auch ein Blick auf die bereits getätigten Neuverpflichtungen zeigen: Mit Anders Oechsler (Kolding /Dänemark) und Vignir Svavarsson (Hannover-Burgdorf) wurden zwei erfahrene Spieler geholt, die vor allem die Defensive weiter verstärken sollen. "Stand heute bleibt es dabei", so Bredemeier.

Tradition bedeutet nicht selten, dass die ganz großen Erfolge schon etwas länger zurückliegen - das gilt für Essen und Minden gleichermaßen. Daher gehört es auch zu den Aufgaben beider Traditionsvereine, dem erfolgsverwöhnten Umfeld gesunden Realismus einzuhauchen. In der kommenden Spielzeit zählt für TuSEM und GWD nicht mehr als der Klassenerhalt. Dass derzeit alle drei Vorjahresaufsteiger auf den Abstiegsplätzen der 1. Liga stehen, dürfte Warnung genug sein.